Franz Huber, Mitbegründer und CEO von KoKoTé

«Ich möchte, dass die Marke KoKoTé ein äusseres Zeichen einer inneren Haltung wird»

Franz Huber, Urner Unternehmer und Mitbegründer von KoKoTé, erzählt im Gespräch, was ihm als Unternehmer wichtig ist und wie es dazu gekommen ist, dass er ein Bildungs- und Integrationsprojekt für Flüchtlinge aufbaute. Und er definiert seine Vorstellung Idee des verantwortungsvollen Unternehmertums, wofür das Integrationsprojekt und Taschenlabel KoKoTé ein erfolgreiches Beispiel darstellt.

Du hast ja schon einige Unternehmen geführt, u.a. das Familienunternehmen, die Hubrol AG, Heizöl-Lieferantin aus der Innerschweiz, die du auf eine ökologischere Basis gestellt hast. Mit anderen Ideen und Firmen musstest du aber auch schon Misserfolge hinnehmen. Was treibt dich an, immer wieder Neues auszuprobieren?

Ein Unternehmer unternimmt einfach etwas (schmunzelt). Manchmal kommt es gut, manchmal nicht. Bei KoKoTé legte ich einfach los und hatte noch keine konkrete Idee. Ich schreibe zwar Businesspläne, aber die überholen sich im Rhythmus von 3 Monaten ungefähr (lacht). Ursprünglich begann es mit Immobilienumnutzungen. Mich interessiert, wie man etwas weiterentwickeln kann. Ich fand schon vor 30 Jahren, dass es nicht sehr intelligent ist, Heizöl zu verfeuern. Seither studiere ich, wie man das weiterentwickeln könnte. Das ist mein Antrieb und Motor. Insbesondere in jüngeren Jahren, haben mich Ideen gereizt, die nicht möglich schienen. Am motiviertesten war ich, wenn jemand meinte: das ist unmöglich. Darum folgten auch ein paar Misserfolge. Es kann ja sein, dass einem die Altersweisheit ein bisschen einholt, aber nie ganz (lacht).

Was sind denn aus deiner Sicht die wichtigsten Charakterzüge eines Unternehmers?

Dass es nicht primär um Geldmaximierung geht, sondern darum, etwas Sinnvolles zu machen. Wenn man eine Idee durchdenkt und sie überzeugt, dann funktioniert es meistens auch. In der Businesswelt gibt es viele Leute, die Ideen haben, aber kein Geld und Leute mit Geld, aber ohne Ideen. Dort müssen wir einen Mittelweg finden. Dass nicht nur das Geld im Vordergrund steht, es aber trotzdem eine Rolle spielt. Auch bei KoKoTé ist es das Ziel, dass wir in 3, 4 Jahren das notwendige Geld selber verdienen können, damit wir unsere Maschinen abschreiben können, damit wir auf dem neusten Stand sind und damit wir auf neue Entwicklungen reagieren können. Wichtig finde ich auch, dass Unternehmer nicht nur sagen, dass die Mitarbeitenden das Wichtigste sind, sondern dass sie das auch leben. Also dass sich Theorie und Praxis nicht beissen. Wenn man diese zwei, drei Maximen berücksichtigt, dann ist schon viel getan.

Du hast dich ganz dem verantwortungsvollen Unternehmertum verschrieben. Was verstehst du genau unter diesem Begriff?

Nur Geldverdienen reizt mich nicht. Die Sinnhaftigkeit ist mir sehr wichtig und das Denken in grossen Zusammenhängen. Es soll kein Aussenstehender die Zeche zahlen für den Erfolg. Sei das die Natur, ein Mitarbeiter oder ein Lieferant, den man ausnutzt, oder Kunden, die man betrügt. Es muss für alle eine Win-Win-Situation sein. Bei der Hubrol AG haben wir schon vor 30 Jahren Mitarbeiter-Beteiligungssysteme für alle Stufen eingeführt. Wenn das Unternehmen gut arbeitet und nur der Besitzer abkassiert, dann finde ich das weder verantwortungsvoll noch ehrlich. Ob das jetzt ein kleines Unternehmen ist, oder Microsoft oder Amazon: es ist nicht ein Genie, das diese Firmen so weit gebracht hat. Es ist ein weites System, das nur funktioniert, wenn man gut zusammenarbeitet. Wenn einer dann der Chef ist, dann ist das mehr Zufall, als gewollt. Wenn man von einem Handwerker ausgeht: entweder ist er ein guter Handwerker oder ein guter Verkäufer, selten beides. Wenn dann der Verkäufer den Handwerker über den Tisch zieht, dann ist das für mich nicht ethisch.

Die Ungleichheiten wurden nun durch die Pandemie noch verschärft und die Pandemie hat auch Schwächen des aktuellen Wirtschaftssystem aufgedeckt. Müsste es aus deiner Sicht in diese verantwortungsvollere Richtung gehen?

Auf jeden Fall. Es geht darum, dass alle, die mitmachen, sichtbar sind und dass niemand für den Erfolg einen versteckten Preis zahlt und leidet. Und das gilt nicht nur für mich in der Schweiz, sondern weltweit. Wenn ich in der Schweiz sauber arbeite, aber profitieren kann, weil ich in einem Niedriglohnland produziere, wo keine Arbeitsschutzmassnahmen u.v.m. eingehalten werden, dann ist das für mich nicht ethisch. Das zählt auch für uns bei KoKoTé. Bei KoKoTé verwenden wir nur Recyclingprodukte. Die bewusste Materialwahl ist für uns kein Marketinginstrument, sondern Überzeugung.

Wie kamst du überhaupt dazu, ein Bildungs- und Integrationsprojekt für Flüchtlinge aufzubauen?

Da muss ich ausholen. Mit 19 Jahren wollte ich Psychologie zu studieren. Mein Vater wollte aber, dass ich in die Firma einsteige und das KV mache, so habe ich das dann auch getan. Dann, 30 Jahre später, machte ich noch eine Ausbildung zum systemischen Berater und Coach. Jede Ausbildung macht etwas mit einem. Ich kam zur Erkenntnis, dass es nicht ein Verdienst ist, in der Schweiz zu leben, sondern ein Glück. Und dass ich speziell viel Glück hatte, auf vielen Ebenen. Ich wollte etwas aufbauen für Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie ich. So war es für mich 2015 naheliegend, mich für Flüchtlinge einzusetzen.

Rosettas Stone Lernprogramm

Wie seid ihr dann auf die Idee gekommen, im Bereich Taschen/Accessoires Produkte zu entwickeln, einem Markt, der hart umkämpft ist?

Der erste Gedanke war nicht: womit können wir Geld verdienen? Ich wollte Arbeit und Bildung kombinieren und um gut zu Nähen, muss man die deutsche Sprache nicht beherrschen. Die Flüchtlinge in der Schweiz haben oft sehr gute handwerkliche Fähigkeiten. Unter anderem können einige nähen und nähten schon in ihrer Heimat, in Afghanistan, in Somalia, in Syrien. Das ist ein Handwerk, das es bei uns fast nicht mehr gibt. Wir wollten diese Ressource nutzen und so starteten wir. Und in Kombination mit etwas, das man gut kann, ist es dann einfacher, etwas zu lernen, was Schwierigkeiten bereitet – nämlich Deutsch und sich hier zurechtzufinden. So entstand nach und nach im Unternehmen ein System von Arbeit und Bildung, bei dem praktisches Arbeiten mit verschiedenen Intensitäten von Lernangeboten kombinierbar ist.

KoKoTé ist innerhalb von kurzer Zeit schon sehr weit gekommen. Was hat dich besonders überrascht, womit hast du nicht gerechnet in der bisherigen Geschichte des Projekts?

Alles hat mich überrascht. Ich staune ob den vielen sozialen Unternehmern, die bei uns Firmentaschen in Auftrag geben. Sie könnten sie ja auch viel günstiger in China bestellen. Vor allem bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen gibt es Führungskräfte, bei denen das Thema der sozialen Marktwirtschaft nicht nur im Leitbild steht, sondern auch umgesetzt wird.

Das Projekt besteht seit 2015, mit der Marke KoKoTé sind wir Ende 2019 aufgetreten und wir haben 2020 unsere Budgetziele erreicht, obwohl wir vom Lockdown massiv betroffen waren. Darüber war ich sehr erstaunt. Und dies je zur Hälfte aus dem B2C- und aus dem B2B-Geschäft. Seit dem Ausbruch der Pandemie spricht man oft von Eigennutz und Egoismus, aber wenn ich unterwegs bin – sei dies bei Geschäftskunden oder bei Privatkunden – staune ich immer wieder, wie viele sozial engagierte Menschen es gibt, die Qualität nicht nur schätzen, sondern ihr auch einen Wert beimessen.

Was mich ausserdem immer wieder erstaunt, ist, dass wir nicht die Produkte am besten verkaufen, die mir am besten gefallen, sondern, dass den Kunden meist andere Produkte besser gefallen. Ich habe da anscheinend keinen Riecher (lacht) und wir entwickeln ja unsere Produkte zusammen in einem Team mit Carsten Joergensen.

Manufaktur

Was ist deine aktuelle Vision für KoKoTé? Wo siehst du die Marke in zwei, drei Jahren?

Ich habe verschiedene Visionen. Ich möchte, dass die Marke KoKoTé ein äusseres Zeichen einer inneren Haltung wird. Und dass die Idee kopiert wird und sich verbreitet. Ich bin nun 68 Jahre alt und möchte den Betrieb in den nächsten Jahren wirtschaftlich so weit bringen, dass er von mir unabhängig wird. Viele der engagierten Personen bei KoKoTé arbeiten freiwillig, meine Frau Yvonne Herzog und ich bezahlen sogar dafür (lacht). Der wirtschaftliche Erfolg gehört für mich dazu. Ich will keine Idee künstlich am Leben erhalten, sie muss sich auch wirtschaftlich bewähren.

Du hast die JLT Company und KoKoTé zusammen mit deiner Frau Yvonne Herzog gegründet. Wie funktioniert eure Zusammenarbeit und die Trennung von privat und geschäftlich?

Wir haben keine Trennung von privat und geschäftlich. Als ich 50 Jahre alt wurde, beschlossen wir gemeinsam, dass wir nur noch Dinge tun, die wir gerne machen. Das ist gar nicht so einfach. Ich bin sehr schnell begeistert von einer Idee. Das hat den Nachteil, dass ich auch in Projekte gerate, wo ich auf einmal denke: oh, das wollte ich gar nicht. Mittlerweile sind wir beide über 60 und sind zielgerichteter, es funktioniert gut. Wir ergänzen uns. Ich habe sehr viel von meiner Frau gelernt, sie vielleicht auch von mir. Wir haben uns parallel mit unserer Zusammenarbeit immer weiterentwickelt.

Neben deiner Arbeit als Unternehmer bist du auch noch als Coach tätig. Wer kommt zu dir in die Beratung?

Als Berater bin ich je länger je weniger tätig. Systemisches Wissen wende ich im Umgang mit den Flüchtlingen, mit den Kunden oder mit Partnern an. Ich finde das nach wie vor sehr spannend.

Wenn du nun zurückblickst: war die Ausbildung zum systemischen Berater ein Wendepunkt für dich? Und etwas, das namhaft zum Erfolg von KoKoTé beigetragen hat?

Ganz sicher, mit dieser Ausbildung habe ich mich stark verändert. Einer der wichtigsten Teile dieser Ausbildung ist die Lösungsfokussierung. Man geht von der Haltung aus: es gibt keine Probleme, es gibt nur Situationen, die man als problematisch wahrnimmt, und die Lösung ist ein Teil des Problems. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die mir am meisten geholfen hat. Das kann man überall anwenden. Am schwierigsten ist es im Führen von Leuten. Wenn jemand einen «Seich» macht, dann hat man immer noch alte Muster in sich, und rauft sich die Haare.

Ich möchte den Mitarbeiter dazu bringen, dass er selbst eine Lösung findet. Dann ist es nachhaltig. Erstens fragt er oder sie dann nicht jede Woche das gleiche, sondern macht einen Entwicklungsschritt und am Schluss profitieren alle davon. Das empfinde ich als etwas sehr Anspruchsvolles aber auch äusserst Spannendes.

Was bräuchte es denn aus deiner Sicht, dass im aktuellen Wirtschaftssystem eine grundsätzlichere Umwälzung passiert und soziale Werte wieder wichtiger werden können?

Ganz einfach: ich nenne es eine Demokratisierung der Wirtschaft. Lisa Herzog, eine deutsche Ökonomin und Philosophin, die Bücher darüber geschrieben hat, schildert, dass es im Mittelalter Könige, Fürsten, Prinzen und die Kirche gab, die unantastbar waren. Jetzt sind das die grossen Konzerne, die grossen sogenannten Führer, die sich nicht demokratisch und nicht transparent und respektvoll benehmen. Ich anerkenne, dass man nicht immer über alles demokratisch abstimmen kann. Aber man muss ein System entwickeln, wo man alle in die Entscheidungsfindung miteinbezieht, dort wo das möglich ist. Ein einfaches Beispiel: mir käme es nie im Traum in den Sinn, einen Mitarbeitenden einzustellen, ohne die zu befragen, die mit der Person zusammenarbeiten werden. Wenn das Team nicht harmoniert, dann funktioniert es nicht. Wenn Betriebe von oben mit Druck geführt werden, dann kann nicht erwartet werden, dass die wichtigen Informationen von unten nach oben kommen. Sie bekommen dann nur das zu hören, was die Mitarbeitenden das Gefühl haben, dass sie gerne hören möchten. So erhalten sie die relevanten Informationen nicht. Das wirkt sich über kurz oder lang fatal aus. In der Biologie ist es folgendermassen definiert: geschlossene Systeme sterben. Das gilt auch für uns. Das gilt auch für die Klimathematik. Wir sind Teil der Natur und leben zusammen mit vielen anderen Lebewesen. Wir sind Teil eines Ganzen und wenn wir uns nicht öffnen und das, was miteinander vernetzt ist richtig sorgfältig mitbedenken und aufeinander Rücksicht nehmen, dann sterben wir.

Wir sind mitten in sehr speziellen und auch herausfordernden Zeiten. Was wünschst du dir persönlich für 2021?

Ich habe mir vorgenommen, alles etwas ruhiger anzugehen. Ich habe die Tendenz, rasch etwas umzusetzen, das hat viele Vorteile, aber es gibt keine Vorteile, die nicht auch Nachteile haben. Vor über 25 Jahren wollte ich die Tessag Schuhfabrik retten und es misslang. Das war sehr schmerzhaft für mich. Und ich habe auch sehr viel gelernt dabei.

Mein Vorsatz und Wunsch ist es, langsamer zu werden, denn oft ist langsamer schneller. Langsam zu sein ist schwierig für mich, ich bin häufig noch sehr ungeduldig. Und mit dem Entschleunigen möchte ich für mein gesundheitliches Wohlbefinden besorgt sein, Spazieren gehen und mich viel bewegen in der Natur.

Vielen Dank, Franz, für dieses spannende Gespräch!


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