Zum Lernen sollen alle Sinne verwendet werden.

Christine Blaser, Berufsbildungsfachfrau, führt bei KoKoTé den schulischen Bildungsbereich und nutzt alle Sinne für die Gestaltung des Lerninhaltes.

Christine Blaser ist ausgebildete Lehrerin und bei KoKoTé als Berufsbildungsfachfrau für die schulische Bildung (Nachholbildung) der Flüchtlinge zuständig.

Inteview:

Wie bist du zur JLT Company/KoKoTé gekommen?

KoKoTé-Gründer Franz Huber und ich kannten uns schon von meiner Tätigkeit für das Berufs- und Weiterbildungszentrum im Brückenangebot in Uri. Schon damals sahen wir, dass ein Bedarf für die Berufsbildung erwachsener Flüchtlinge besteht. Ich war schon lange vorher in diesem Gebiet tätig und konnte als Lehrperson viel Erfahrung in der Alphabetisierung von deutschsprachigen Erwachsenen sammeln. Durch Zufall sind Franz und ich uns wieder begegnet und er konnte mich dann gleich von seiner Idee der JLT Company/KoKoTé überzeugen.

Wie werden die Flüchtlinge bei JLT Company/KoKoTé ausgebildet?

Die Flüchtlinge kommen einen Tag pro Woche zu mir in die Schule. Neuerdings haben wir diesen in zwei halbe Tage aufgeteilt, da sich die meisten Kopfarbeit nicht gewohnt sind. Alle arbeiten lieber mit den Händen, so funktioniert das Lernen auch in der Manufaktur besser als in der Schule. Hauptsächlich geht es in der Schule darum, Deutsch zu lernen und ein gewisses Niveau zu erreichen, so dass sie ihre Berufsbildung nach ihrem Praktikum, dem Zwischenjahr oder der Vorlehre weiterführen können. Viele Flüchtlinge verstehen Schweizerdeutsch nicht und bleiben darum unter sich, wo sie nur ihre Muttersprache sprechen. Bei uns erhalten sie die Gelegenheit, Schriftsprache zu sprechen und zu lernen. Sehr oft besprechen wir aber auch Fragen aus dem Schweizer Alltag: Was heisst es, in der Schweiz zu leben? Was sind Rechte und Pflichten? Wie funktioniert die Trennung von Kirche und Staat? Wie entsorge ich Abfall richtig? Wieso ist es wichtig, eine abgemachte Zeit einzuhalten? So können wir sie bei der Integration in den Schweizer Alltag unterstützen.

Wie sieht ein Schultag bei euch aus?

Wir sind alle in einem Zimmer und tragen momentan Masken. Ich bin froh, können wir den Schulbetrieb vor Ort aufrechterhalten. Wir machen wenig gemeinsame Übungen, da alle auf einem anderen Niveau sind und sich Teamarbeit beim Lernen nicht gewohnt sind. Aber nach den Ferien zum Beispiel stelle ich Fragen, so dass wir uns austauschen können. Die Schwierigkeiten sind bei den meisten die gleichen: O, A, E und I sind schwierig. Das Ohr ist anders geschult. Die meisten Flüchtlinge kommen aus dem arabischen Raum und haben ganz andere und oft mehr Buchstaben als wir und, wenn sie schreiben gelernt haben, dann von rechts gegen links. Sie sind sich ausserdem vor allem gewohnt auswendig zu lernen und nicht, Gelerntes anzuwenden. Das ist eine der grössten Herausforderungen. Wir haben gute Lehrmittel und Apps mit Übungen, die sie selbständig lösen können. Ich unterstütze wo nötig. Mir ist es vor allem wichtig, dass zum Lernen alle Sinne verwendet werden. Hören, Tasten, Sehen, Schreiben. So finden sie auch heraus, wie sie am besten lernen.

Welche besonderen Herausforderungen stellen sich dir in der Zusammenarbeit mit Erwachsenen aus anderen Kulturen?

Die grössten Herausforderungen sind schon kultureller Natur. Sie kennen "Lernen" anders, müssen sich auf unser System einstellen. Es gibt auch viele Missverständnisse. Die sind aber oft auch witzig. Jemand verstand einmal nicht, wieso ich als Mutter alleine lebe. In seiner Kultur lebt niemand allein, schon gar nicht eine Frau. Man ist immer sehr eng in die Familie eingebunden. Er verstand auch gar nicht, dass ich allein leben MÖCHTE. Ausserdem akzeptieren sie meine Autorität nur, weil ich eine ältere Frau bin. Eine jüngere Frau könnte wohl die Schule nicht leiten, da sie nicht akzeptiert würde von den muslimischen Männern. Weitere Herausforderungen kannte ich bereits aus der langjährigen Erfahrung in Erwachsenenbildung. Erwachsene lernen generell langsamer, es braucht sehr viel Zeit und Geduld. Und Flexibilität. Manchmal komme ich mit einem Korb voll vorbereiteter Sachen und dann kommt eine Frage und wir verbringen den ganzen Schulhalbtag damit.

Worauf bist du besonders stolz in der bisherigen Tätigkeit für KoKoTé?

Auf den Erfolg von Ali (Ali Ghorbani hat die beste LAP seiner Schweizer Klasse absolviert, sogar 20Minuten hat auf der Titelseite darüber berichtet)! Ich habe ihn von Beginn weg eng begleitet und unterstützt. Er war sehr ehrgeizig, sonst wäre er nicht so weit gekommen. Uns ist sehr wichtig, dass die Flüchtlinge und Lernenden von sich aus kommen, motiviert sind und holen, was sie brauchen. Nicht, dass sie sich zurücklehnen und warten, bis wir alles übernehmen für sie. So sind grosse Erfolge möglich, wie ebendieser von Ali.


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Erwachsene lernen generell langsamer,

es braucht sehr viel Zeit, Geduld und Flexibilität.

Christine Blaser - Berufsbildungsfachfrau Association Equilibre

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Bei KoKoTé werden Flüchtlinge ausgebildet,

so dass sie einen besseren Einstieg in den Schweizer Arbeitsmarkt ehrhalten.

An den Bildungstagen wird vor allem Deutsch und Mathematik gelernt. Da das Erlernen und Praktizieren der deutschen Sprache zentral ist, erhält jeder Flüchtling während dem Praktikum, einem Zwischenjahr oder der Vorlehre einen Mentor bzw. eine Mentorin.

Bei KoKoTé erhalten die Flüchtlinge 2 Tage Bildung und Selbstlernen pro Woche. Davon sind 2 Halbtage Unterricht in Deutsch, Mathematik und Allgemeinbildung, vermittelt durch die Berufsbildungsfachfrau Christine Blaser; 1 Halbtag beinhaltet Selbstlernen unter professioneller Begleitung mit «Rosetta Stone». Ihr Mentor/-in begleitet sie bei Hausaufgaben. Zusätzlich gibt es täglich mindestens 1 Stunde, in der, während der Arbeit, Deutsch gelernt wird. Damit alle einander verstehen ist die Umgangssprache Deutsch.

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Die fachliche und persönliche Bildung

im Arbeitsalltag wird stetig ausgebaut.

Alle 3-4 Monate wird mit jedem Flüchtling ein Standortge­spräch geführt und doku­mentiert. Involviert sind neben dem Flüchtling die Lehrerin sowie die Leiterin Produktion und falls dies nötig ist auch noch der Jobcoach / Casemanager.

Die Lehrerin führt für jeden Auszubildenden ein Dossier, welches die Dokumentation der Standort­gespräche, die Sprach- und Eignungstests sowie weitere Infos zum Bildungspotenzial und zu den beruflichen Vor­kenntnissen und besonderen Fähigkeiten pro Praktikant/-in enthält.

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Zentrales Ziel bei KoKoTé ist,

die erwachsenen Flüchtlinge (>als 26 Jahre) bildungsmäs­sig möglichst fit zu machen.

Um dieses Ziel zu erreichen wird Nachholbildung geplant und realisiert sowie Kenntnisse und Erfahrungen in der Ar­beitswelt gewonnen. Im Weiteren bedingt das Erreichen der Ziele, dass die Flüchtlinge ein bestimmtes Sprachniveau (Sprach­test zu Beginn/Ende des Praktikums) erreichen.

Dies ist wichtig, um nach dem Grundlagenprakti­kum eine Anschlusslösung in Form eines Zwischenjahres, einer Vorlehre oder ei­ner EFZ/EBA-Ausbildung zu erlangen. Die Anschlussmassnahmen - Zwischenjahr und Vorlehre - sind in Kombination mit einer Teilzeitanstellung als Näher oder Näherin möglich. Dies gibt den älteren Flüchtlingen die Chance, über 2-3 Jahre, ihre schulischen Lücken aufzuholen und fit für eine Berufsausbildung zu werden.

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